Deutsche auf der Titanic

von Hermann Söldner

Die Menschen auf der Titanic gehörten vielen Nationen an. Über die Deutschen ist nur wenig bekannt.

Im folgenden soll das wenige zusammengefasst werden.

Von den 2207 Menschen, die sich nach der Abreise von Queenstown an Bord befanden, waren nur 16 Deutsche: zehn Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder.

Deutschsprachige waren es sicherlich mehrere, da sich auch Schweizer und Österreicher unter den Passagieren bzw. Mannschaftsmitgliedern befanden.

Zunächst eine Aufstellung der Personen:

Passagiere

1. Klasse - Amalie Geiger - Alfred Nourney - Emma Schabert, geb. Mock

2. Klasse - August Meyer - Joseph M. Peruschitz - Franz Pulbaum

3. Klasse - Emil Christmann - Ernst Wilhelm Törber - Luise Kink, geb. Heilmann - Leo Zimmermann

Mannschaft

Maschinenabteilung - Franz Wilhelm Kasper

Stewardabteilung - Richard Pfropper - Joseph Heinen - L. Müller - Alfred Theissinger - Carlo Tietz

Amalie Geiger war die Zofe von Frau Widener und fuhr auf der Fahrkarte Nr. 113503 der Wideners mit.

Sie war 35 Jahre alt und wurde in Königsberg geboren. Eine Schwester Bertha wohnte in Bromberg (Posen), Elisabethstraße 18.

Frau Geiger war nicht verheiratet, gerettet wurde sie im Boot 4.

Die wohl schillerndste Figur war zweifellos der angebliche Baron von Drachstedt.

Unter diesem Pseudonym reiste ein gewisser Alfred Nourney.

Der Zwanzigjährige aus Köln stieg in Cherbourg zu. Ursprünglich als 2.-Klasse-Passagier angemeldet (Fahrkarte Nr. SC PARIS 2166, Preis £ 13 17 s 3 d), buchte er kurzerhand beim Zahlmeister auf die erste Klasse um, nachdem er mit seiner Unterbringung nicht zufrieden war.

Als neue Kabine wurde ihm D 38 zugewiesen.

Zuzahlen musste er ca. £38.

Nourney war nach eigenen Angaben "in Geschäften" nach Amerika unterwegs. Er legte besonderen Wert auf sein Äußeres, weshalb seine Kleidung von besonderem Wert gewesen sein soll.

Zusammen mit Schmuck, Gehstöcken, zwei Sätzen Toilettenartikeln und Füller will er 2133 $ dafür bezahlt haben.

Während der Reise sandte er zwei Telegramme nach Deutschland. Beide verließen die Titanic am 13. April 1912 gegen 18:10 Uhr. Das erste ging an Wolff, Cöln Sachsenring mit dem Inhalt "Drahtlosen Gruß".

Das andere ging vermutlich an seine Freundin mit Namen Jarkonska, die in Cöln Rothgerberbach wohnte, mit dem Wortlaut "Drahtlosen Kuss in liebe Alfred".

Am Abend des 14. April spielte er zusammen mit W.B. Greenfield und H. Blank im Rauchsalon der 1. Klasse Karten.

Selbst einige Zeit nach dem Zusammenstoß setzten sie ihr Spiel fort.

Sie waren aber die ersten, die ein Boot bestiegen - Nummer 7.

Ohne Schwierigkeiten konnten sie an Bord gehen, und gegen 00:45 Uhr wird das Boot zu Wasser gelassen.

Die Insassen ruderten von der Titanic weg. Dabei soll es Nourney vorgezogen haben nur dazusitzen und zu rauchen.

Während der Zeit zwischen dem Untergang und der Rettung schoss Nourney seinen Revolver leer, wobei er in einigen Abständen je eine Patrone abfeuerte.

Die Carpathia rettete die Überlebenden des Boots Nr. 7 gegen 5:10 Uhr.

An Bord dieses Schiffes fiel Nourney unangenehm auf. Nach dem Essen hatte er es sich im Rauchsalon der 1. Klasse auf einem Stapel Wolldecken, die zur Verteilung anstanden, bequem gemacht.

Einige junge Damen bemerkten ihn und zogen die oberste Decke weg, so dass er auf den Boden rollte. Alle Anwesenden applaudierten, Nourney trollte sich von dannen.

Wahrscheinlich noch am gleichen Tag (15. April) versuchte er ein Telegramm nach hause zusenden: "Titanic gesunken! Gerettet an Bord von Carpathia. Cunard Linie. Vollständig mittel- und kleiderlos. Alfred."

Es sollte an Wolff Cöln Sachsenring gehen, wurde aber infolge Arbeitsüberlastung der Funker nicht übertragen.

In Köln lebte noch seine verwitwete Mutter; nach seinen Angaben in der Weidenstraße 11.

Es muß Weidengasse heißen, da es in Köln eine Weidenstraße nicht gibt. Angeblich waren Nourney nur ein paar Mark geblieben, die er eingesteckt hatte.

Mit seinem Gepäck sollen 750 Mark gesunken sein. Alfred Nourney wurde 1892 in Nimwegen (?) geboren und starb 1972.

Anfang der sechziger Jahre gab er ein Fernsehinterview. Hier schilderte er seine Erfahrungen. Das Geräusch, das die 1500 verzweifelt um ihr Leben kämpfenden verursachten, beschrieb er so: "wie eine Sirene".

Frau Emma Schabert wurde am 23.5.1876 als Emma Mock in New York geboren.

Sie wohnte mit ihrem Ehemann Paul Schabert in Hamburg, Heilwigstraße 31.

Mit ihm hatte sie zwei Kinder, Kyrill und Beatrice, die aber ihre Mutter nicht begleiteten.

Der Zustieg erfolgte in Cherbourg.

Sie hatte Kabine C 28 inne. Gerettet wurde sie zusammen mit ihrem Bruder Phillip Edmund Mock im Boot 11.

Dieser war im Gegensatz zu seiner Schwester US-Bürger.

Beide reisten mit einer gemeinsamen Fahrkarte Nr. 13236, Preis £ 57 15 s.

Am 18.4.1912 sandte sie ein Telgramm von der Carpathia an Schabert nach Derby, Connecticut mit dem Inhalt: "Both safe on Carpathia notify Germany."

Später heiratete sie Baron Curt von Faber du Faur und lebte in Italien.

1939 kehrte sie nach Amerika zurück. Mit ihrem Mann ließ sie sich in New Haven nieder, wo sie am 18. 4 1961 starb.

August Meyer reiste in der zweiten Klasse, Fahrkarte Nr. 248723, Preis £ 13.

Er war 39 Jahre alt und gab als letzte Adresse 26 Kildas Road, Harrow-on-Hill an.

Er stieg in Southampton zu und überlebte den Untergang nicht.

Ein besonderer Mann war zweifelsohne auch Joseph M. Peruschitz, ein Benediktinermönch aus Bayern.

Er befand sich auf dem Weg nach Minnesota und machte Zwischenstation im Benediktinerkloster St. Augustine in Ramsgate.

Geboren wurde er am 21.3.1871 in Straßlach-Dingharting.

An Bord der Titanic blieb er in Erinnerung durch das tägliche Abhalten der Heiligen Messe. Er hielt sie in deutscher Sprache (u.a. für die Passagiere aus Österreich-Ungarn).

Zusammen mit Father Byles spendete er wahrscheinlich Trost bis zum letzten Augenblick.

Er ging mit dem Schiff unter.

Für seine Fahrkarte ab Southampton, Nr. 237393, zahlte er£ 13.

Der dritte Deutsche 2. Klasse-Passagier war Franz Pulbaum, ein 27-jähriger Maschinist.

Er stieg in Cherbourg zu und wollte zurück in die USA, wo er um Einbürgerung gebeten hatte.

Er wurde am 14.10.1884 geboren. Einige seiner Habseligkeiten wurden bei einem Tauchgang zur Titanic geborgen.

Seine Fahrkarte kostete £ 15 0 s 8 d (Nr. SC PARIS 2168).

Emil Christmann reiste in der 3. Klasse.

Über ihn ist wenig bekannt. Er stieg in Southampton zu, hielt sich zuletzt in London auf und war von Beruf Kontorist.

Der 29-jährige überlebte nicht. Für die Fahrkarte, Nr. 343276, musste er £ 8 1 s bezahlen.

Ernst Wilhelm Törber, 44 Jahre alt, gab als Adresse 112 Walton Street, Kensington, an.

Seine Fahrkarte (Nr. 364511) kostete £ 8 1 s.

Er stieg in Southampton zu. Er war Gärtner von Beruf und überlebte nicht

Luise Kink, Ehefrau des aus Österreich stammenden Anton Kink, wanderte zusammen mit ihm und der gemeinsamen kleinen Tochter nach Amerika aus.

Die Familie kam aus Zürich, wo sie lebte. Luise Kink wurde am 21.3.1886 als Luise Heilmann geboren und starb am 9.10.1979 in Milwaukee.

Sie stammte aus dem württembergischen Ort Enzberg.

Die Familie Kink stieg in Southampton zu und wurde mit dem Boot Nr. 2 gerettet.

Alle drei reisten mit einer Fahrkarte. Sie kostete £ 22 0 s 6 d und hatte die Nr. 315153.

Später (1919) wurde sie von Anton Kink geschieden, heiratete wieder und lebte bis zu ihrem Tode in Milwaukee.

Sie weigerte sich bis zuletzt Englisch zu sprechen.

Ihre Tochter Luise Gretchen wurde am 8.4.1908 in Zürch geboren.

Sie lebte bis zum 25.8.1992.

Die Gräber von Mutter und Tochter befinden sich direkt nebeneinander auf dem Sunnyside-Friedhof außerhalb Milwaukees.

Der vierte Deutsche der 3. Klasse war Leo Zimmermann. Ein 29-jähriger Landarbeiter aus Todtmoos. Er wollte sich in Saskatoon, Kanada, ansiedeln.

Er stieg in Southampton zu und überlebte den Untergang nicht.

Für die Fahrkarte (Nr. 315082) bezahlte er £ 7 17s6d.

Soweit zu den Passagieren.

Zur Mannschaft zählten nur sechs Deutsche, von denen immerhin die Hälfte überlebte.

Franz Wilhelm Kasper heuerte als Heizer auf der Titanic an. Er wohnte in 6 Brunswick Square, Southampton und verdiente £ 6 monatlich.

Der 40-jährige stammte aus Bremerhaven und überlebte die Katastrophe.

Drei der Stewards waren Deutsche, davon zwei Salonstewards in der 2. Klasse.

Der erste war Richard Pfropper, er wohnte in 8 Washington Terrace, Southampton und verdiente £ 3 15 s.

Den niedrigen Lohn besserten sich Stewards mit den Trinkgeldern der Passagiere auf.

Pfropper war 30 Jahre alt und überlebte. Gerettet wurde er in Boot 9.

Sein Kollege Joseph Heinen, ebenfalls 30 Jahre alt, hatte nicht soviel Glück. Er ging mit dem Schiff unter und starb.

Sein Verdienst betrug £ 3 15 s. Er wohnte im Molden Hall House in Lewisham.

Der dritte Steward war Alfred Theissinger.

Er betreute die Zimmer der 1. Klasse für £ 3 15 s Monatslohn.

Der 38 Jahre alte Theissinger überlebte das Unglück, er wurde im Boot 11 gerettet.

Als Adresse gab er 102 French Street, Southampton, an.

Der einzige Dolmetscher an Bord war L. Müller, 36 Jahre alt.

Sein Gehalt betrug £ 4 10 s pro Monat. Er überlebte nicht.

Als Adresse gab er 67 Oxford Street in Southampton an.

Eine Besonderheit an Bord der Titanic war das Restaurant. Es wurde von Luigi Garti betrieben.

Die White Star Line hatte es an ihn verpachtet. Alle Angestellten des Restaurants mussten sich zwar in die Musterliste eintragen, wurden aber von Gatti direkt bezahlt.

Als einziger Deutscher gehörte dem Restaurant-Personal Carlo Tietz an.

Der 27-jährige versah seinen Dienst in der Küche als Gehilfe.

Seine Adresse war die Richmond Tavern im Stadtteil Bridgewood von Southampton.

Er zählte nicht zu den Überlebenden.

© 2018 Thorsten Totzke